Ich werfe meinen Monitor an und schmeisse gleichzeitig die triefende
Jacke in Richtung Regal. Die Jacke verfehlt wie immer den Pfosten und
gleitet wie ein nasser Putzlumpen zu Boden, wo sich sofort eine Pfütze
bildet. Ich lasse sie dort liegen. Sch...wetter! Weil es so kalt in meinem
Büro ist und weil die Uni-Leitung offensichtlich zu geizig ist, mein
Büro anständig zu heizen, schalte ich alle elektrischen Geräte an, die
ich finden kann - auch die, die nirgends angeschlossen sind, auch die,
bei denen nur noch das Netzteil und der Lüfter funktionieren.
Hauptsache, es kommt warme Luft heraus. Es wird sich hoffentlich auf
die Stromrechnung auswirken. Geschieht ihnen recht!
Ich schaue im Kalender nach, was heute ansteht: Zwei Studenten haben
sich für die Studienberatung angemeldet. Hm, na gut, was soll's! Es ist
Freitag morgen und ich bin gut gelaunt. Ich schicke also
ausnahmsweise nur dem am Vormittag per mail eine Absage. Das gibt
mir Zeit zum Frühstücken in der Kantine. Der Chef kommt erst in einer
Stunde.
Als ich zurückkomme, hängt ein Zettel an meiner verschlossenen Türe.
Sowas kann ich schon gar nicht ausstehen! Der Handschrift nach ist es
der Chef. Jemand anders würde es auch nicht wagen. Ich klebe den
Zettel, ohne ihn zu lesen, eine Tür weiter wieder an. Der Chef hat
schon öfters bemerkt, daß er unsere gleichförmigen Türen in unserem
Betonbunker nicht auseinanderhalten kann. Also bitte!
Dann fahre ich die Schutzschilde aus, mein bewährtes Pappschild mit
der Aufschrift 'Versuch läuft - Bitte nicht eintreten', und schließe die
Türe hinter mir. Früher war ich noch so naiv, einen Schild
rauszuhängen mit 'Bitte nicht stören' drauf. Das Resultat war, daß die
Sekretärinnen - wir haben zwei, eine junge Hübsche und ... aber lassen
wir das - also die Sekretärinnen konnten dann erst recht nicht die
Finger von der Klinke lassen. Wer weiß, was die sich in ihrer
überhitzten Phantasie ausgemalt haben. Jetzt bin ich schlauer
geworden. JEDER, der hier schon länger als 7 Tage arbeitet, hat schon
einmal einen wichtigen Versuch versaut, weil er einfach durch eine
geschlossene Türe hereingeplatzt ist - und wurde daraufhin vom
aufgebrachten Versuchsleiter fast umgebracht. Ohne Psychologie kann
man hier nicht überleben. Zumindest kann man nicht ANGENEHM
überleben.
Ich bin gerade in alt.startrek.gossip.sexual.embarrasment, als das
Telefon läutet. Meiner Meinung nach gehören Telefone sowieso
abgeschafft. Wo bleiben meine Grundrechte? 'BIG BROTHER IS
WATCHING YOU', das ist mein Telefon! Nichts anderes! Email kann
man wenigstens zurückschicken, mit der Angabe: 'cannot deliver mail -
user got killed'.
Ich lasse es viermal läuten, dann hebe ich ab.
"Vermittlung", sage ich gelangweilt.
Etwas schweigt verblüfft am anderen Ende. Ich lege auf. Zwölfeinhalb
Sekunden später versuchen sie's nochmal. Das ist immer so. In ihrer
grenzenlosen Dummheit glauben sie, daß sie sich vertippt haben. Um
sie in ihrem Glauben zu bestärken, melde ich mich diesmal mit:
"Fakultät 16, Dekanat."
"Äh..."
"Ja?" Ganz zuckersüß.
"Ich glaube, ich bin falsch verbunden...."
"Was Sie nicht sagen! So früh am morgen schon? Vielleicht probieren
Sie es einfach noch einmal?" schlug ich vor, durch und durch
hilfsbereit.
"Ah, ja", sagt sie erleichtert. Dann besinnt sie sich auf ihre gute
Kinderstube."Entschuldigen Sie bitte die Störung."
"Aber das macht doch nichts..."
Ich überlege, ob die Stimme für eine Einladung auf eine Tasse Kaffee
sexy genug klingt. Aber dann lege ich doch auf. Keine Verabredungen
mehr ohne vorheriges X-Picture, das habe ich mir geschworen.
Ich warte. Die Hand am Hörer. Als es läutet, reiße ich den Hörer von
der Gabel und brülle, so laut und agressiv ich kann:
"JA?!!!"
Es klickt fast sofort. Gut, das dürfte eine Weile vorhalten.
In der group ist gähnende Leere. Also gehe ich ins WWW und lade mir
die Bilder von zwei Doktoranden von uns herunter, denen
gerüchteweise eine Beziehung nachgesagt wird. Mit Hilfe von
Photoshop und den Bildern bringe ich die endlose Zeit bis zum
Mittagessen hinter mich. Das Ergebnis, etwas schlüpfrig, aber vom
Inhalt gar nicht so unwahrscheinlich, linke ich unter den Key 'Aktuelle
Informationen zum Lehrangebot' in unsere Home Page, und schicke
eine Mitteilung an alle User, daß es wichtige neue Mitteilungen in der
Home Page gibt.
Auf diese Weise wird der langweilige Inhalt etwas aufgepeppt.
Nach dem Mittagessen checke ich den Zugriffszähler auf unsere Home
Page. Gar nicht schlecht. Eine Zunahme um 16000 % in den letzten
zwei Stunden. Gut für unsere Netz-Statistik. Der Chef wird sich
freuen!
In der Workstation piept es zweimal und ich entferne meinen
Schutzschild von der Türe. 14 Uhr, da macht der Chef immer seine
Runde. Ich aktiviere das 'Working Window' an meiner Workstation,
ein Dummy-Schirm mit mindestens 40 verschiedenen bunten Fenstern,
die chaotisch übereinanderliegen. Die einfachste Methode,
blutschwitzenden Hyperstress zu demonstrieren.
Pünktlich um 14 Uhr, 7 Minuten und 25 Sekunden reißt der Chef, wie
üblich ohne anzuklopfen, die Türe auf. Obwohl ich damit gerechnet
hatte, zucke ich zusammen. Das passiert mir jeden Tag und es kotzt
mich an!
Gequält lächelnd, die Finger noch auf der Tastatur, drehe ich mich um
und wische mir nicht vorhandenen Schweiß von der Stirn.
"Äh, guten Morgen, Herr Leisch...hrrrm. Äh, ich wollte nur
fragen...hrrrm: müssen wir heute noch etwas erledigen?"
Sein Blick irrt unsicher und beeindruckt über die vielen farbigen
Windows auf meinem Schirm. Ich seufze ergeben, hole den
TOPORDNER hervor, in dem unsere wichtigsten Termine und
Aufgaben nach Dringlichkeit geordnet abgeheftet sind, blase die
Staubschicht weg und überfliege schnell mit gefurchter Stirne die
verblichene Liste. Gott sei Dank! Nichts, was einen ruhigen frühen
Freitagnachmittag gefährden könnte. Bis auf den Beschwerdebrief der
Univerwaltung vielleicht. Sie schreiben, daß der Bundesrechnungshof
meine Gehaltsabrechnungen kritisiert hat. Sie seien zu hoch. Das muß
man sich mal vorstellen! Der Brief datiert allerdings vom letten Jahr.
Ich ordne ihn unauffällig weiter hinten wieder ein. Vielleicht fällt er mal
aus Versehen mal in den Reißwolf.
Der Chef schaut mir kurzsichtig über die Schulter und atmet mir in den
Nacken. Ich schüttele den Kopf.
"Nichts. Absolut nichts,was nicht auch bis Montag warten könnte."
Man beachte das Wörtchen 'könnte'. Ich habe nicht gesagt 'kann'! Daß
zwei Projektberichte bereits überfällig sind, drei Briefe eigentlich schon
Anfang der Woche hätten rausgehen müssen und daß seine Sekretärin -
zum Glück die häßliche - gedroht hat zu kündigen, wenn er ihr nicht
endlich eine Gehaltsaufbesserung besorge, würde dem Chef nur das
Wochenende verderben.
"Ah. Das ist aber schön!" freut sich der Chef, und ich freue mich als
loyaler Untergebener, daß der Chef sich freut, und fletsche
pflichtbewußt die Zähne. "Dann...äh...kann ich ja zuhause noch an
dem FGD-Gutachten arbeiten."
Ich denke, daß er denkt: "Dann kann ich ja heute nachmittag doch zum
Tennisspielen gehen."
Und ich denke für mich ganz alleine: "Sobald du weg bist, bin ich auch
weg!"
Schwierig, wenn man in seinem Job für andere mitdenken muß.
Ich will gerade gehen, als es zaghaft klopft. An meiner Türe. Freitag
Mittag. Ich rufe ungläubig: "Herein!" und es erscheint ein blasses
Jüngelchen mit verpickeltem Gesicht und strähnigem langen Haar in
der Türöffnung.
"Äh", sagte es zögernd, "ich hatte mich angemeldet, zur
Studienberatung..."
Natürlich! Die mail, die ich mir aus falschen Großmut heute morgen
verkniffen hatte. Jetzt habe ich den Salat!
Ich bitte das Jüngelchen herein und zu platzen. Es setzt sich ganz vorne
auf die Kante und blickt beeindruckt auf die vielen Meßgeräte und
Rechner. Dann sage ich:
"Habt Ihr Euch sonst schon umgetan?"
"Häh? Umgetan?"
Ich beuge mich vor, fasse sein rechtes Knie und schaue ihm tief in die
Augen.
"Erklärt Euch, eh Ihr weitergeht, was wählt Ihr für eine Fakultät?"
Das Jüngelchen betrachtet mich mißtrauisch. Vielleicht geht ihm gerade
auf, daß es doch keine so gute Idee war, am Freitag nachmittag zur
Studienberatung zu gehen. Jedenfalls nicht bei mir.
"Err. Ich dachte ... eigentlich...ich meine..."
"Da seid ihr auf der rechten Spur", unterbreche ich den Studenten in
spe. "Doch müßt Ihr Euch nicht zerstreuen lassen. Gebraucht der Zeit,
sie geht so schnell von hinnen. Ach!"
Ich schließe die Augen, werfe den Kopf in den Nacken und führe den
Handrücken theatralisch an die Stirne.
Als ich die Augen wieder öffne, hat das Jüngelchen bereits die Hand an
der Türklinke.
"Err. Ich... mir gefällt gerade ein... ich habe noch einen dringenden...
Entschuldigen Sie bitte..."
Und draußen ist er. Wir wollen doch keine Studentenschwemme
auslösen, oder?